Documenta Dokumentation Dokument
 

Born/Heine
Document Dokumenta Dokumentation, 1982
Bild-Text-Projekt im Rahmen des Workshops "Politisch engagierte Kunst", Documenta 7, Kassel

Links oben: Pressefoto (Tobias Held) von der Brokdorf-Demonstration 1982
Rechts unten: Rudi Fuchs, Leiter der Documenta 7

 

„ ... Denn Fotografien sind nicht einfach nur mechanische Aufzeichnungen, wie oft angenommen. Jedesmal wenn wir ein Foto betrachten, sind wir uns dessen zumindest halb bewusst, dass der Fotograf aus einer unendlichen Anzahl möglicher Ausschnitte eine ganz bestimmte Ansicht ausgewählt hat. Dieser Tatbestand gilt auch noch für das allerzufälligste Familienfoto.“ (John Berger, Ways of Seeing).
Im vorliegenden Fall handelt es sich nicht um ein Familienfoto, sondern um das Foto einer Brokdorfdemonstration, das als Beweis für die Gewalt der Anti-AKW-Bewegung 1982 in sämtlichen deutschen Zeitungen publiziert wurde. Diese Fotografie ist aber ein „Dokument“ unter vielen anderen, die das Gegenteil zeigten: Bilder der Staatsmacht, der Polizeigewalt und natürlich der industriellen Macht. Aber der Fotograf dieses Bildes hatte genau diese eine Situation einer gewalttätigen Bedrohung eines Polizisten ausgewählt und belichtet, in deren Nähe er sich aufhielt. Indem er die Fotografie zur Veröffentlichung freigab, verlor er auch die Kontrolle über das Bild in den publizierenden Medien. Die abgebildeten Demonstranten in Aktion wurden identifziert und zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. D.h. die Fotografie bekommt hier die Funktion eines eindeutigen Beweismittels, das sie u.E. niemals sein kann. Auch die Fotografie ist ein Feld, auf dem wir um Demokratie kämpfen können. Diese Perspektive bestimmt unseren Platz als Künstler unter Fotografen. Betrachten wir diese Fotografie, erkennen wir, bezogen auf Erfahrung und Wahrheit, den Widerspruch zwischen ihrer Bedeutung und ihrer Bedeutungslosigkeit. Als Künstler haben wir diese Fotografie mit der von Rudi Fuchs, dem Leiter der Documenta 7, kombiniert, um dieses Bildpaar durch jeweilige Ausschnittvergrößerungen auf ihr fotografisches Korn zurückzuführen und zu erweitern; in der Collage wird transparent, was eine „Dokumentation“ sein kann und was sie auch ist. Die Documenta von Rudi Fuchs wurde vielfach kritisiert, insbesondere, weil sie jegliche Kunst mit politischem Anspruch ausschloss, z.B. die konzeptuelle Kunst, die Videokunst etc. Man kann „seine“ spezielle Documenta als eine der Malerei betrachten; aber dann handelt es sich im Sinn des Wortes nicht um eine „Documenta“.
Betrachten Sie unsere Konstruktion aufmerksam und entscheiden Sie selbst, ob ein Dokument als Bild und eine Documenta als Ausstellung das sind, was die Bezeichnungen versprechen!